Ein geliebter Mensch ist an einer Depression erkrankt?
Sich der herausfordernden Realität des Kampfes gegen ein psychisches Problem zu stellen, kann ziemlich entmutigend sein – und zwar nicht nur für Betroffene selbst. Psychische Leiden durchdringen alle Lebensbereiche: Sie verändern die sozialen Beziehungen im privaten Umfeld und am Arbeitsplatz, aber vor allem verändern sie die Beziehung eines Menschen zu sich selbst.
Leider ist es meistens eine Veränderung zum Schlechten. Ein schleichendes Gefühl der Wertlosigkeit, des Selbsthasses, ständige negative Dialoge im Kopf, … Die Liste geht immer weiter. So schwer es ist, eine Person zu sein, die von einer psychischen Erkrankung betroffen ist, so herausfordernd ist es auch, mit einer solchen Person umzugehen.
Wenn jemand in deiner Familie oder deinem Freundeskreis an einer Depression leidet, bist du mit Sicherheit schon der einen oder anderen Herausforderung begegnet. Dieser Beitrag soll dir dabei helfen, dich in dieser komplexen Situation zurechtzufinden und dir Strategien zur Verbesserung vorschlagen.
1. Anzeichen und Symptome einer Depression verstehen
Depressionen haben einen großen Einfluss auf die Persönlichkeit. Oft werden die Menschen reizbarer, distanzierter und entwickeln eine insgesamt vermeidende Haltung. Sie können sich feindselig verhalten und bei Familienmitgliedern schnell den Enthusiasmus und die Hoffnung zerstören, hilfreich und fürsorglich zu sein.
Aus psychoanalytischer Sicht wird eine depressive Person als jemand beschrieben, der seine „Kathexis“ (der Prozess der Zuweisung von mentaler oder emotionaler Energie zu einer Person, einem Objekt oder einer Idee) von der Außenwelt in sich selbst „zurückgezogen“ hat. Im realen Leben könnte sich das in Distanzierung und scheinbarem Desinteresse an der Außenwelt äußern. Bildlich gesprochen braucht die Person viel mentale Energie, um mit der Depression fertig zu werden und die normale Interaktion mit Familie und Freunden ist „überfordernd“. Versuche zu verstehen, dass dies keine bewusste Entscheidung ist, sondern eher ein Notfallbewältigungsmechanismus der Psyche, um alle Ressourcen zu sammeln und sie nach innen, statt nach außen zu lenken. Ein Beispiel: Ein Betroffener schenkt seiner Ehepartnerin in Folge seiner Depression immer weniger Aufmerksamkeit und fühlt sich deswegen schrecklich. Er hat aber keine mentale Kapazität, um dieses Problem zu kommunizieren oder verbessern, da die Bewältigung seiner Depression bereits all seine Energie beansprucht.
Eine Familie ist ein lebendiges System. Wenn ein Mitglied leidet, leidet das ganze System. Menschen spüren das Leiden ihrer Angehörigen, als wäre es ihr eigenes. Je näher sich Menschen stehen, desto schwieriger ist es manchmal, zwischen den eigenen Gefühlen und denen des Gegenübers zu unterscheiden. Deshalb ist es wichtig, geistig vorbereitet zu sein, wenn Situationen und Emotionen zu Hause eskalieren.
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2. Professionelle Hilfe suchen
Falls du das Gefühl hast, dass deine Partnerin bzw. dein Partner oder ein Familienmitglied Anzeichen einer Depression zeigt, ermutige diese Person so bald wie möglich, eine medizinische Fachkraft aufzusuchen. Sowohl Hausärzt:innen als auch Psychotherapeut:innen können eine professionelle Einschätzung der aktuellen Situation geben. Eine Depression ist eine Erkrankung, die wie jede andere körperliche oder psychische Erkrankung rechtzeitig behandelt werden kann und sollte.
3. Über Depression informieren
Ein grundsätzlicher Tipp: Es ist sowohl für Betroffene als auch deren Angehörige enorm hilfreich, so viel wie möglich über die Krankheit Depression, die Auswirkungen und die Therapiemöglichkeiten zu wissen. Das schafft nicht nur Verständnis für Betroffene, sondern gibt dir auch realistische Erwartungen an den Prozess der Bewältigung.
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4. Eine starke unterstützende Umgebung aufbauen
Die häusliche und familiäre Unterstützung wird eine große Rolle bei der Bewältigung der Depression spielen. Jede Anstrengung, die du in das häusliche Umfeld steckst, wird wahrscheinlich eine größere Wirkung haben als du zunächst erwartest. Es stimmt, dass du die betroffene Person nicht „reparieren“ kannst, aber du kannst auf jeden Fall helfen.
Es wurde festgestellt, dass eine depressive Erkrankung direkt mit dem Ess- und Schlafverhalten sowie dem Aktivitätsniveau verbunden ist. Auf der anderen Seite vermindert sie die Motivation. Oftmals verhalten sich depressive Menschen passiv, apathisch und essen zu viel oder zu wenig. In diesen Dingen kann eine nahestehende Person eine große Hilfe sein. Hier sind einige Vorschläge, was du tun kannst:
- Eine stressfreie Atmosphäre schaffen: Sprecht ohne Vorurteile über Bedürfnisse und Sorgen.
- Mehr Routine in das Leben einführen: zur gleichen Zeit essen, Medikamente einnehmen, spazieren gehen usw. So kann die betroffene Person weniger vom Alltag überwältigt werden.
- Pläne für die nahe Zukunft machen: nächste Woche ins Kino gehen, zum Abendessen verabreden, usw. Ohne den Anstoß von außen vermeiden depressive Personen oft jegliche soziale Interaktion oder überhaupt jede Aktivität.
- Gemeinsames Kochen: Gesundes Essen ist nicht nur ein starker Faktor bei der Genesung, der bloße Prozess des Kochens erfordert auch ein gutes Maß an Beteiligung. Auch das Planen und Einkaufen– also das Übernehmen von Kontrolle und Verantwortung – kann depressiven Personen helfen.
- Gemeinsame Bewegung: Versuche, da zu sein, um Spaziergänge, Läufe, Wanderungen, Yoga oder andere Bewegungsformen zu initiieren. Bei mittelschweren depressiven Episoden kann sich Bewegung genauso positiv auf die Genese auswirken wie ein Antidepressivum, während sie bei schweren Depressionen eine starke Begleitbehandlung darstellt.
- Auf veränderte Alkoholkonsumgewohnheiten achten: Wenn aus dem üblichen Glas Wein plötzlich eine ganze Flasche geworden ist, solltest du einschreiten. Das Gleiche gilt für Drogenkonsum, verschreibungspflichtige Medikamente, usw.
5. Sorge für dich selbst
Eigentlich müsste dieser Punkt der erste in unserer Liste sein, denn nur wenn es dir gut geht, bist du überhaupt in der Lage, zu unterstützen. Es ist keine Schande, Zeit für sich selbst, eine Pause oder jemanden zum Reden zu brauchen. Im Gegenteil: Es ist sogar notwendig. Eine depressive Episode kann sich über Monate hinziehen und ist eine große Herausforderung für alle Beteiligten. Jemanden zum Reden zu haben, ist sehr wichtig. Das kann z. B. ein Freund, eine Fachperson oder eine Selbsthilfegruppe sein.
Oft verringern Menschen ihre sozialen Interaktionen in Übereinstimmung mit ihrer depressiven Partnerin bzw. ihrem depressiven Partner. Wenn es möglich ist, versuche aber, am Leben teilzunehmen, denn das ist wichtig für deine eigene psychische Gesundheit. Es kann sein, dass die erkrankte Person nicht in der Lage und nicht gewillt ist, sich mit Menschen zu treffen, ins Kino oder zum Tanzen zu gehen – und das ist völlig in Ordnung in ihrer Situation. Du hingegen hast auch eine Verantwortung gegenüber dir selbst. Nimm dir regelmäßig eine „Auszeit“ vom Betreuerdasein. Deine Hobbys weiterhin zu genießen, ist kein Verrat. Betrachte es als emotionales Auftanken.
Zu guter Letzt: Was du NICHT tun solltest
Wenn du als naher Angehöriger oder Freund:in einer depressiven Person die Einstellung hast, dass diese Person einfach nur traurig oder faul ist, kann die Nähe mehr schaden als nützen. Fragen und Sätze, die man als angehörige Person vermeiden sollte, sind:
- „Kannst du nicht einfach mal fröhlich sein?“
- „Das bildest du dir alles nur ein.“
- „Warum bist du so faul?“
- „Weißt du, dass es manche Leute viel schlimmer haben als du?“
Das bringt uns zurück zu Punkt drei: Lerne etwas über Depressionen und sei so einfühlsam wie möglich. Gebe der depressiven Person Raum, um deprimiert zu sein und die eigenen Gefühle auszusprechen. Fragedie Person, wie sie sich fühlt, statt das „Warum“ zu hinterfragen. Frage, wie du helfen kannst, statt ungefragte Ratschläge zu geben. Erkundige dich nach dem Schlaf, dem Appetit, dem Energielevel. Versuche, Dinge zu bemerken, die die betroffene Person vielleicht an sich selbst nicht bemerken kann.
Aber vergesse dich selbst und deine eigenen Bedürfnisse dabei nicht. Zeuge zu sein, wie ein geliebter Mensch leidet, kann sehr herausfordernd und überwältigend sein. Es ist schwierig, die Balance zu halten zwischen Einfühlungsvermögen, dem Wunsch zu helfen und dem gleichzeitigen Gefühl der Hilflosigkeit. Es ist wichtig zu beachten, dass Geduld, eine friedliche Umgebung und emotionale Stabilität deine wichtigsten Partner im Kampf gegen die Depression in der Familie oder dem Freundeskreis sind. Zögere nicht, dir Unterstützung von einer Fachperson zu holen.
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